Jejeje Yajé –  eine Reise nach innen

Auf der Plaza in Puerto Asís findet ein Stadtfest statt, wie überall mit vielen Leckereien und Unterhaltungsprogramm. Das Karussell besteht aus aufgehängten Plastikautos, bei der Lotterie gibt es bunte Küken zu gewinnen, über einem Feuer werden Meerschweinchen gegrillt.

Neben dem Busbahnhof warte ich im Hof eines Hotels mit den neuen Gummistiefeln, Essen und Wasser auf den Taita, einen Schamanen des Volkes der Kamsá. Es heißt, ich solle verfügbar sein. Ich warte fast einen Tag, bis er mich am späten Nachmittag abholt. Wir fahren mit dem Motorradtaxi zum Fluss, setzen mit dem Boot über den Río Putumayo und fahren erneut mit dem Motorrad, bis der Weg nicht mehr befahrbar ist. An der kleinen Brücke ziehen wir die Gummistiefel an und laufen eine halbe Stunde üppigen Regenwald, durchqueren eine Bananenplantage und balancieren über Holzplanken durch das sumpfige Gelände, bis wir mit dem letzten Licht des Tages auf der Finca ankommen.

Fährboot
Mobiler Bootsanleger, der je nach Wasserstand verlegt wird.
Ins Boot passen jeweils zwei Motorräder

Auf der Finca stehen mehrere Holzhütten: das Haus der Familie, in dem auch gekocht und gegessen wird, ein Pfahlbau für die Gäste und ein überdachter Bereich für die Zeremonien. Weiter entfernt gibt es noch Hütten für die Hühner und die Yajéküche.

Schlafhaus und Zeremoniegebäude
Schlafraum, der bei jedem Tritt wankt
Küche mit Holzherd
Waschraum
Haus der Familie und Pferde
Badestelle am kleinen Fluss

Nach Monaten des Reisens von Buenos Aires bis Kolumbien, Millionen von Eindrücken, Landschaften, Städte, Berge, Täler, Menschen, Kunst, Kultur, etc., ist es Zeit, an einem Ort zu bleiben, Zeit für Reinigung, Zeit für Heilung, Zeit für eine Reise nach innen, Zeit, den hiesigen Zaubertrank zu probieren. Vielen unter dem Begriff Ayahuasca geläufig, wird er hier in Putumayo Yajé genannt.

Yajé-Liane
Zeremonieutensilien: Rape (Schnupftabak) und Applikator, Trinkgefäß mit Yajéresten, Waira (Blätterbüschel) und Cascabeles (Rasselketten aus Samen)
Zeremoniegebäude: Antonio heizt das Feuer an, Dasha notiert Erfahrungen

Auf Wikipedia heißt es: Ayahuasca, Yagé, Yajé, Natem, Cipó, Daime, Hoasca sind Namen für einen psychedelisch wirkenden Pflanzensud aus der Liane Banisteriopsis caapo und N,N-Demethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Psychotria viridis.

Die indigenen Völker des Amazonasbeckens und Mestizos gebrauchen Ayahuasca in rituellen und religiösen Zeremonien, um in einen qualitativ veränderten Wachbewusstseinszustand zu geraten. Sie glauben unter anderem, dadurch Geister und Ahnen zu treffen, in die Zukunft zu blicken oder Lösungen und Heilwege für Krankheiten und psychosoziale Konfliktlagen zu finden. Das Entheogen Ayahuasca wird dafür häufig von Curanderos, Ayahuasceros oder Vegetalistas (Heilkundige in traditioneller Amazonas- oder Andenmedizin) für die Heilung von Krankheiten benutzt. Der Gebrauch ist von den Anden und der Pazifikküste bis weit hinein nach Brasilien verbreitet und von Kolumbien über Ecuador und Peru bis nach Argentinien. Für die Schamanen ist die Wirkung des Tranks nicht auf einen Wirkstoff zurückzuführen, sondern auf die Pflanzenseelen, die sich den Menschen unter Ayahuasca-Einfluss als Lehrmeister offenbaren.

In den drei Wochen, die ich auf der Finca des Taitas und den vier glücklichen Kindern verbringe, kann ich mit Antonio, einem weiteren tomadero und neuen Freund aus Cali, etwas bei der Arbeit helfen. Wir schlagen mit der Machete Holz für die Zeremonien, transportieren die großen gesägten Holzscheite in die Yajéküche, raspeln mit dem Sohn des Taitas Yajé und pflücken säckeweise Chagropanga. Jede zweite oder dritte Nacht trinken wir. Das gekochte Yajé ist stark, schmeckt scheußlich und führt zu Erbrechen und Durchfall – Reinigung. Und zu Visionen – spirituelle Erfahrung.

Mit mir nehmen noch ein Kolumbianer, eine Kasachin und eine Russe an der ersten Zeremonie teil. Kurz vor zehn Uhr abends treffen wir uns im überdachten Zeremonieraum. In der Mitte brennt ein Feuer. Der Taita versammelt alle im Kreis, spricht Worte des Dankes an Himmel, Wasser, an die Heiligen, an die Geister.

Wir beginnen mit Rapé, Schnupftabak, der durch ein Bambusröhrchen in die Nase appliziert wird. Die Wirkung von Rapé ist Entspannung und Beruhigung der Gedanken. Auf körperlicher Ebene befreit Rapé das Atmungssystem und hilft gegen Sinusitis, Schnupfen, auch gegen Kopfschmerzen und Migräne. Die Augen tränen, die Nase rotzt, der Schleim fließt hinaus. Es wird gehustet, geräuspert, gespuckt und geschnaubt. Eine entspannende und reinigende Vorbereitung für das Yajétrinken.

Der Taita verteilt Siete Esencias, einen wohlriechenden Kräutersud und ruft wenig später zum Trinken. Erst die Männer, dann für Frauen. Jeder bekommt einen kleinen Becher des dickflüssigen, bittersäuerlichen gekochten Yahés, der vom Taita mit kurzen Worten und Tönen besungen wird. Dann kehrt Ruhe ein, jeder konzentriert sich auf sich selbst und lässt das Yajé seine Wirkung tun. Der Sohn des Taita räuchert den Raum und die Trinker mit Weihrauch ab. Als die meisten bereits Kotzen waren, stimmt der Taita seine Gesänge an, rasselt mit den Cascabeles, fächelt mit der Waira, spielt auf der Mundharmonika. Nach einigen Stunden wird wieder getrunken. Die Zeremonie dauert die ganze Nacht. Am nächsten Morgen berichten die Teilnehmer beim Frühstück von ihren Erlebnissen. Was gesehen wurde, was geredet wurde, was erkannt wurde, bleibt auf dem Platz.

Ein Ausflug in den Ort ist wie ein Sprung in eine andere Welt. Motoren, Lärm, Dreck, Konsum und Gestank sind eine kaum erträgliche Informationsüberflut. Ein frisch gepresster Saft und Fisch in Kokossoße sind eine willkommene Abwechslung zur Reis-Kochbananen-Diät auf der Finca. Wir lassen es uns schmecken, kaufen noch tabacos und den Kräutersud Siete Esencias und freuen uns, wieder in die Stille der Finca zurückzukehren.

Frisch gepresster Saft
Fisch in Kokossoße
Amigo y tomadero Antonio
Mexikanische tomadero-Freunde kaufen Artesanales der Indigenen

Minga – in Kolumbien gibt es sie noch, die gemeinnützige Arbeit. Im Dschungel treffen sich die Einheimischen gelegentlich und schlagen einen Vormittag lang mit der Machete die Wege frei oder schaufeln die Löcher auf der Straße zu. Sie essen gemeinsam im Schatten der Bäume und lachen zusammen. Arbeit, die verbindet und direkt Sinn hat.

Kurkuma

Beinahe hätte ich sie fotografiert, die drei wunderschönen Würste in der Keramikschüssel. Nach drei Wochen Kotzen und natürlich induzierter Darmspülung, sind diese drei perfekten Würste Zeugnis einer erfolgreichen Reinigung des Systems.

2 Kommentare

  1. Bingo

    Neidisch und sprachlos lese ich deine Zeilen. Kotzen für den inneren Frieden – kacken gegen den Hass! Schade, dass diese Welt trotzdem auseinander fällt 🙁

    Antworten
    1. Bella Babou Autor

      Hahaha, ja!, Kacken für den Weltfrieden. Es ist alles eine Frage der inneren und äußeren Reinigung. Wenn wir alle gleichzeitig kotzen und kacken, könnte es funktionieren. (Ist sogar kompostierbar. ;)) Ansonsten besteht die Gefahr, dass die negativen Energien alles wieder zunichte machen.
      By the way: Im September reist der Taita aus Puerto Asís nach Europa, wahrscheinlich auch nach Leipzig…

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