Chaostage in Quito

Von Latacunga aus bin ich in zwei Stunden in Quito, einer 2,5 Millionen-Metropole in den Bergen. Im schnellen Stadtbus fahre ich am historischen Zentrum vorbei in den Norden der Stadt zu meinen Couchsurfing Gastgebern Daniel und Ruben, ein Pärchen, Rechtsanwalt und Telefoninstallateur. Erst 20 Uhr können wir uns treffen, vorher dürfen sie nicht mit dem Auto fahren, die Zeiten sind nach Kennzeichen reglementiert, damit die Stadt nicht im Verkehrschaos erstickt. Auch so ist die Luft nicht besonders gut, zu viele Busse und Autos pusten Dieselabgase in die enge Stadt.
In einem Park höre ich einem Posaunisten zu und lese. Als es schon dunkel ist, warte ich vor dem Haus und fühle mich etwas unwohl. Zuvor habe ich viele Berichte über die hohe Kriminalität in Quito gehört. Raubüberfälle gehören an die Tagesordnung, besonders auf reiche Touristen.

Die Wohnung ist chic steril, nicht ganz mein Geschmack. Vor allem nicht, dass Pudel Guy den ganzen Tag darin eingesperrt lebt, als wäre er ein Plüschtier. Wir halten etwas Smalltalk, während sie kochen, dann sehen sie fern, fake housewifes, was mich nicht anspricht. Ich verschwinde ins Bett und am nächsten Tag bald ins historische Zentrum, da sie sich auch am Morgen nicht sonderlich interessiert zeigen – es ist allerdings auch ein normaler Arbeitstag für sie.

Die Altstadt ist recht hübsch, der Ausblick vom Panecillo auch. Auf der Plaza del Gobernador fragt mich Luis, ein Ecuadorianer, der seit 15 Jahren in Hamburg lebt, ob ich ein Foto von ihm machen kann. Dann erzählt er von seinen Import-Geschäften nach Deutschland, Kaffee, Bananen, Avocado, Kakao aus ganz Lateinamerika. Und lädt mich zu einem preiswerten Mittagessen beim Italiener ein.

Abends treffe ich im Hipsterviertel La Floresta Omar, einen anderen Couchsurfer, der mir das hübsche, am Hang gelegene Viertel Guápulo und seine urigen Kneipen zeigt. Er arbeitet als Guide im Amazonas, im Dschungel, und ist sehr entspannt. Er erzählt von seinen Erfahrungen mit den dortigen Schamanen und von seinem Sohn, der mit seiner französischen Mutter zwei Stunden nördlich von Quito lebt. Seine Katze ist superkuschelig und Streitpunkt zwischen ihm und seiner Ex. Sie soll geteilt werden. Arme Katze.
Da es spät wird und die Jungs zeitig schlafen gehen, frage ich Omar, ob ich bei ihm übernachten kann und schreibe den Jungs eine Nachricht. Leider zu spät.

Am nächsten Tag sind sie so verärgert, dass sie mich nicht zurück kommen lassen. Ich solle am nächsten Morgen meine Sachen abholen. Ihre Hysterie ärgert mich. Ich verbringe einen Tag in Omars schöner, hellen Wohnung, wir kochen zusammen, reden über das Leben und ich lese in seinem Buch über Schamanismus. Spät abends geht er aus, ich ins Bett. Am Morgen nach Kaffee und Banane möchte ich die Wohnung verlassen, um pünktlich bei den Jungs zu sein. Die Tür ist abgeschlossen, kein Schlüssel zu finden, kein alternativer Weg nach draußen, auch von der Terrasse kann ich nicht hinab klettern. Eine unruhige Stunde suche ich nach Möglichkeiten aus der Wohnung zu kommen. Dann hält ein Taxi vor dem Haus und Omar torkelt rotzbesoffen heraus, in die Wohnung hinein und fällt in sein Bett. Ich bin frei und komme pünktlich an, um meine Sachen zu holen. In einer kurzen Diskussion können wir die Lage klären. Die Jungs haben sich große Sorgen gemacht, dass mir etwas passiert sein könnte. Und meine Sachen noch bei ihnen sind. Das könnte ihnen zum Verhängnis werden. Ich ärgere mich noch eine Weile über ihren hysterischen, rachegierenden Egozentrismus und suche mir eine andere Unterkunft. Unweit finde ich das Casa Tulia, ein familiengeführtes Gästehaus. Tulia lädt mich gleich auf Kaffee und Kuchen ein, ihr Sohn Juan-Diego hilft mir bei der Suche nach einem Drucker, ich kann einige, für die Fahrt ins Paradies unnötige Sachen im Haus lassen. Im modernen Zentrum suche ich ein Sportgeschäft, um einen preiswerten Schnorchel zu kaufen und decke mich mit Instantnudeln ein. Im Park treffe ich Carlos, einen taubstummen Venezolaner, der mir pantomimisch sein Leben als Martial Arts Kämpfer beschreibt, der in China war und jetzt einen ecuadorianischen Pass hat. Carlos ist zäh und voll konzentrierter Energie. Es macht Spass der Charade zuzusehen. Wie verabschieden uns mit einer festen Umarmung.

Morgen beginnt ein kleines Traumabenteuer.

Ich fliege ins Paradies.

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Zurück im stressigen Quito nach 9 Tagen Paradies. Zwei wichtige Sachen sind zu erledigen: Wäsche waschen und den Akku meines Telefons reparieren. Beides läuft erstaunlich einfach. Die Wäscherei um die Ecke reinigt meine vom Salzwasser klebrigen Klamotten bis zum nächsten Morgen. Im Gewimmel der Altstadt kann ich einen Telefonladen mit Reparaturservice ausfindig machen, wo mir ein junger Mann in 21 Minuten für $21 den Akku meines Telefons auswechselt. Den Laden zu finden hat viermal so lang gedauert wie die Reparatur. Eine Odyssee geht zu Ende. Die letzte Zeit bin ich nur noch mit Akkupack rumgerannt – das Telefon ist ständig ausgegangen, Videos zu drehen war am Ende nicht mehr möglich. Welch eine Erleichterung.

Tulia kocht mir am Abend einen Tee mit Ingwer, Zimt und Panela. Die von Galapagos mitgebrachte Erkältung verfliegt rasch. Sie erzählt, wie teuer das Leben in Ecuador ist. Besonders importierte Elektronik ist unheimlich teuer, eine Waschmaschine kostet $800, ein Vollautomat $2.500. Das Studium der Kinder kostet pro Semester $3.000-10.000. In einem lokalen Restaurant das Menü zu essen ist preiswerter als selbst zu kochen. Die Supermärkte sind exklusiv den Besserverdienenden vorbehalten. Wie Menschen, die im Bus Kaugummi für 50 Centavos anbieten, überleben können, ist mir unerklärlich.

Am Morgen kann ich von der Terrasse aus den Vulkan Cotopaxi sehen. Der Rucksack ist jetzt noch voller mit Schnorchelausrüstung und endlich frisch gewaschenen Sachen. Auf geht’s ins nächste Abenteuer. Noch einmal in die Berge Ecuadors und dann weiter nach Kolumbien.

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