Busfahren für Fortgeschrittene

Von Huaraz nach Vilcabamba, Luftlinie 700km, Dauer 5 Tage. Mit dem Collectivo nach Caraz, leider sagt der einzige Couchsurfinghost im Ort ab und das Wetter lädt nicht zu Wandertouren ein. Der schönste Berg der Welt (Stand 1960), der Alpamayo, bleibt für mich ungesehen. Dafür gibt es einen Berg Chinaessen und eine ruhige Nacht im Ponyhostal. Durch eine steile, enge, steinige Schlucht und weiter unten durch endlose Weiten gigantischer Kleckerburgen und Sandhaufen fahre ich im Bus hinab in die schwüle Hitze Chimbotes, eine Küstenstadt, in der es nach altem Fisch stinkt und Müllhaufen auf der Straße brennen. Im nächsten Bus die langweilige Wüstenküste hoch nach Chiclayo, dem schwül dreckigen Las Vegas Perus.

Caraz
Caraz
Kleiner Ort mit Seilbahn

Übernachtung im Hotel mit Fenster zum Luftschacht. Am kleinen Essensstand, wo Einheimische Caucau, Pansen mit Reis, frühstücken, trinke ich einen Kaffee aus Essenz und Wasser. Als ich bezahlen will, winkt der Señor freundlich ab und meint, er lade mich ein. Der Bus nach Jaén wird kurz vor der Abfahrt abgesagt wegen Regens. Gegenüber kann ich ein Ticket nach Bagua Grande kaufen und fahre mit ca. 100 schwitzenden Peruanern eingepfercht in einen stickigen Bus, kurz vor dem Klaustrophobiekollaps ein fruchtbares Tal hinauf. Als es anfängt zu regnen, werden die Fenster und einzige Luftzufuhr im inhumanen Hühnerstall geschlossen. Flach atmend schaue ich zwei tonlose Filme (immer Action) mit Christy Moore und Paolo Nutini in den Ohren. Bevor ich weiß, was mit den Zeitdieben passiert, springe ich an der Kreuzung nach Jaén aus dem Bus und in ein Collectivo. Was auf der Karte wie ein gemütlicher Bergort aussah, ist wieder eine laute, dreckige, lebendige peruanische Stadt. Selbst im obersten Stockwerk des einfachen Hostels sind noch der Lärm der Mototaxis und der eklige Geruch des nahen Marktes zu vernehmen. Die im Zimmer gekochten Ramennudeln bringen mich zum Schwitzen. Widererwarten schlafe ich erholsam und fahre mit dem Mototaxi zu den Collectivos nach San Ignacio.

Lebendes Gepäck
Verregneten Fahrt nach La Balsa im Autotaxi

Dort regnet es und am Busbahnhof gibt es nur einen Bus am Nachmittag nach Norden und nur Menü für Busfahrer, Suppe und ein großer Haufen Reis mit Kichererbsenbrei und Ei. Noch weiß ich nicht, dass ich diese Stärkung brauchen werde. Mit dem Autotaxi geht es weiter nach La Balsa. Dort regnet es auch.

In La Balsa, dem Grenzort, ist tote Hose. Zeit, die Soles in Dollar zu tauschen, bei einem sehr seeeehr langsamen Grenzbeamten den Ausreisestempel abzuwarten und mit Coney und Carlén aus Kolumbien auf den Bus Richtung Loja zu warten. Sie waren Haare in Peru kaufen. Die langen schwarzen Haare der indigenen Bevölkerung sind für Extensions sehr beliebt. Halb fünf kommt der Bus, es dauert natürlich noch eine Weile bis die handvoll Insassen vom Peruaner ausgestempelt sind. Ich laufe derweil über die Grenzbrücke, auf der ein paar Hühner picken, nach Ecuador. Ab der Brücke ist die Straße nicht mehr asphaltiert, wir waten durch Schlamm in den Bus und schrauben uns grüne Berge hinauf. José, ein sehr redseliger Peruaner setzt sich neben mich und quält mich mit Fragen – ich bin müde und würde gern bei Musik aus dem Fenster schauen.

An einer Kreuzung gibt es Unruhe im Bus, wir halten. Draußen wird mit Militärs diskutiert. Ich verstehe erst nicht viel mehr, als dass wir nicht weiter können. Später erklärt mir Carlén, dass der Regen die Straße unpassierbar gemacht hat. Der Regen vom Nachmittag, als wir stundenlang auf den Bus warteten. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: mit dem Bus zurück nach La Balsa und vielleicht morgen weiter oder zu Fuß die zerstörte Strecke laufen, mit Auto nach Zumba und von dort mit dem Bus weiter. Zu zwölft machen wir uns auf den Weg hinab ins Tal. Erst passieren wie ein paar Erdhaufen, die auf die Straße gerutscht sind, dann überklettern wir ein paar Erdrutsche, dann balancieren wir auf Baumstämmen über matschige Erdwälle, dann patschen wir durch schlammige Matschhaufen, – es dämmert bereits – dann waten wir am Rand des brüchigen Abgrunds entlang und als absolutes Highlight durchqueren wir im letzten Dämmerlicht den reißenden Fluss – Schuhe, Socken und Hose sind längst durchnässt -, bevor es in der Dunkelheit den Berg hinauf geht und uns letztendlich ein gelber Jeep – die Taxis der Gegend – nass, dreckig und erschöpft auf der Ladefläche durch die sternenklare Nacht nach Zumba fährt. José erzählt mir auf dem Weg, dass heute sein Geburtstag ist und er am Abend zu seiner Freundin möchte. Sein vormals weißes Hemd ist etwas eingesaut. Meine matschbeschmierten Hände haben darauf Spuren hinterlassen, als er mir über ein paar Schlammfelder und durch den Fluss half das Gleichgewicht mit dem schweren Rucksack zu halten. Danke José und Feliz cumpleaños!
Solche Aktionen sind normal hier in der Regenzeit.

Mit Coney und Carlén auf der Ladefläche nach Zumba

Am nächsten Morgen geht es – fast langweilig – weitere Erdstraßen durch die Berge Richtung Vilcabamba. Kurz nach der Abfahrt hält der Bus an einer kleinen Kapelle, wo der Busbegleiter eine Münze einwirft. Vielleicht hilft es. Eine Stunde später eine weitere Kapelle, eine weitere Münze. Kurz danach ein rotes Schild: Adelante zona de derrumbes, Erdrutschzone voraus. Einige Male habe ich dieses mulmige Gefühl im Bauch und frage mich, warum sie auf dieser Strecke nicht kleinere Fahrzeuge einsetzen.

Ein paar Stunden später trudeln wir im sonnigen Tal der Langlebigkeit ein. Ich freue mich auf Wäschewaschen, Couchsurfing und entspannende Tage im milden Klima.

Huaraz – Caraz – Chimbote – Chiclayo – Jaén – San Ignacio – La Balsa – Zumba – Vilcabamba
1200km, 4 Nächte, gefühlt 2300 Kurven

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