Ein Hauch Huayhuash

Statt ins karibische Paradies zu fahren, plane ich erstmal eine Wanderung. Es soll eine der schönsten (und anstrengend) der Welt sein. Wenn ich schon hier bin, kann ich es auch versuchen und hoffen, dass mir die Höhe und die Kälte nicht allzu sehr zu schaffen machen.

Auf zum Huayhuash Circuit. Ein Tag „Ruhe“ in Huaraz und Vorbereitung für die Wanderung. Der Rucksack möchte mit dem Allernötigsten und viel Essen bepackt werden. Ramen Instantnudeln, Hafer, Trockenfrüchte, Müsliriegel, Brot, Käse und Coca – wahrscheinlich das Wichtigste von allem. Beim Chifa, dem Chinesen, esse ich Wantan-Suppe und einen großen Berg gebratenes Gemüse mit Reis. Den Rest nehme ich in einer Plastiktüte mit ins Hotel. Ein ruhiger Tag mit telefonischer Motivation von einem echten Freund.

Eine letzte Dusche für die nächsten 8 bis 10 Tage und ab ins Bett, 20 Uhr. Der Wecker steht auf 4 Uhr früh. Gegen 7 Uhr kommen wir in Chiquián an. Es heißt, es fährt heute kein Bus nach Llamac und Pocpa. Ich wäre die einzige Passagierin. Auch heißt es, der Circuit sei nicht zu machen, es läge Schnee oben und regne oder schneie ständig. 2 Uhr fährt ein Bus zurück nach Huaraz, 200 Meter weiter gibt es ein Hotel. Ich steuere auf das Hotel zu, die Ruhe des Ortes gefällt mir, das Zimmer ist billiger und viermal so groß, im Innenhof blüht es üppig. (Bei der Fototour durch den Garten gibt mein Telefon den Geist auf. Ein Ort zum Ausruhen. Ich fluche innerlich. Ohne Telefon kann ich nicht fotografieren, nicht navigieren, nicht recherchieren, nicht kommunizieren.) Ich krieche gleich unter die drei Decken und schlafe bis zum Nachmittag. Zwar regnet es im Ort nicht, die Berge rundherum sind allerdings von Wolken verhangen. Ein Donner grollt gewaltig durch das Tal. Ich koche im Zimmer Instantnudeln. Ich habe Essen für 10 (Wander-)Tage dabei.

In der Nacht schlafe ich dann nicht mehr so gut. Müde steige ich in den Bus nach Pocpa. Zwei Stunden fahren wir eine steinige, teils sehr steile Straße an den Hängen der gewaltigen Berge immer weiter in die Cordillera Blanca hinein.

Ab dem letzten Ort laufe ich ein Stück, bis mich der Bus der Mineros mitnimmt. Er sollte mich in Quartelhuain absetzen, als wir eine Frau einladen, meint diese, das wäre eine horita zurück, eine Stunde zurück zu laufen – der Fahrer kannte den Ort nicht. Also laufe ich in den stillen Bergen eine Stunde zurück, nur ein Jeep passiert in der Zeit. Am leeren Campamento Quartelhuain begrüßt mich Walter, der mich schon vor einer Weile kommen sah und meint, ich könne auch neben seinem Haus zelten. Etwas windgeschützt, hinter einem großen Stein baue ich das Zelt auf, Walter beäugt es kritisch. Für das Andenhochland im nahenden Winter ist es eher ein Witz. Auch seine Frau Felica begrüßt mich und lädt mich zu Agua de manzana ein.

Pocpa
Eine Stunde zurück laufen
Das war mal Walters Kuh

Der Nachmittagsregen naht, am Ende des Tals sind dunkle Wolken im Anmarsch. Wir sitzen auf der Holzbank im fensterlosen, grasgedeckten Steinhaus, das Walter selbst gebaut hat, trinken süßen Apfelsaft und reden über den Huayhuash, die vielen Wandergruppen – auch hier sind die Israelis verschrien – das Müllproblem, und das Leben an sich, das so verschieden sein kann. Walter meint, dass sie morgen mitsamt der Schafherde ins Tal aufbrechen werden, wo sie bis Mai den Winter verbringen. Dann ist die Gegend menschenleer. Die Anderen sind schon fort. Etwas später kommt Tito dazu, der die Maultiere mitbringt. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht und Suppe gegessen. Felica sitzt neben der Feuerstelle, wärmt Wasser, brutzelt Mais, wäscht das Geschirr, legt Holz nach, erzählt und kommentiert. Ihren Mann nennt sie Landauer. Walter Landauer? Ich frage nicht nach.

Felica erzählt auch von einem Mann in Llamac, der 20 Kinder hat, mit zwei Frauen. Sie selbst hat 5, eins lebt in Italien und zwei in Argentinien. Letztes Jahr hat sie eines in Argentinien besucht, 2,5 Tage mit dem Bus. Sie wollte auch etwas von der Gegend sehen. Ihre Eltern sind 98 und 100 Jahre alt. Das Leben in dem Bergen ist hart und gesund.

Felica holt schnell das Holz ins Haus, bevor der Hagel kommt

Die Nacht ist sehr kalt, einer der Hunde bellt fleißig in die Dunkelheit und die Luftmatratze ist nicht mehr dicht. Ich warte auf den Morgen und möchte doch nicht raus in die nasse Kälte. Kaffee kochen in der Morgendämmerung hilft, das Porridge füllt den Magen. Walter, Tito und Felica sind schon draußen, holen und beladen die Maultiere. Ich packe ebenfalls zusammen, das Zelt kann ich im Wind etwas trocknen. Und schon geht es los, 80 Schafe, drei Maultiere, ein Pferd, drei Quechua, zwei Hunde und eine müde Wanderin laufen die Straße hinab. Als wir dem Fluss ganz nah sind, wirft Felica eine volle Plastiktüte hinein. Wie war das mit dem Müllproblem?

Abtrieb
Unsere Wege trennen sich

Nach zwei Kilometern zeigt mir Felica einen Pfad, der sich links dem Berg hinauf schlängelt, dort geht es nach Jahuacocha, sechs Stunden über den Pass. Ein schneller Abschied, die Schafe und die Mules warten nicht, und ich laufe wieder allein durch die stillen Berge, durch ein stilles Tal, in dem ein Gletscherbach rauscht, den ich mit einem kühnen Sprung überquere, die stillen Hänge hinauf – ein Kondor kreist über mir, der Gletscher auf der anderen Seite des Tals kracht gelegentlich.

Wasserloch mit Knochen
Blick zurück

Der Weg zum Pass ist anstrengend und weit. Keine Markierung, oben nur noch Steine. Ich habe Durst – in der morgendlichen Eile habe ich das Wasserauffüllen vergessen. Ein kleiner Tümpel liegt auf dem Weg, daneben grasen drei Kühe, am Grund sind Kuhfladen zu sehen. Da kaue ich lieber Coca. Am Pass ein orangefarbenes Tor an einer natürlichen Steinmauer – welch Glück, dass es geöffnet ist 😉 Auf der anderen Seite ein blauer See im Tal, ein steiniger Hang und kein Weg zu sehen. Ich laufe querhangein den steilen, grasbewachsenen Hang hinab und denke, dass ich lieber nicht daran denke, was wäre, wenn mir hier etwas passierte. Der Hang wird noch steiler und ich habe großen Durst. Nach einer Stunde steilen Abstiegs durch Grasbüschel und Geröll höre ich ein Rauschen. Ein Bach. Welch Glück. Allerdings ein steiler Bach, fast ein Wasserfall. Ich rutsche die steile Böschung hinab und trinke, trinke, trinke. Mit gefülltem Wassersack klettere ich auf der anderen Seite die Böschung wieder hinauf. Dort habe ich einen Weg gesehen und kann erleichtert dem restlichen Abstieg ins Tal meistern.

Entlang der Laguna Jahuacocha laufe ich noch eine Weile bis zum Campamento. Dort stehen zwei rote, winterfeste Zelte und ein großes Küchenzelt. Bergführer Manuel berichtet, dass er mit einem sechzigjährigen Australier und seiner Tochter eine 4-Tagetour mit Maultiertreiber und Koch am Huayhuash macht. Sie schlafen gerade und laufen nicht so gut. Der Koch war angeln und hat ein Dutzend kleiner Forellen gefangen, die er am Fluss ausnimmt. Später duftet es lecker. Ich bin nicht eingeladen und habe mir Instantnudeln gekocht.

Die Nacht ist wieder kalt und nass, die Matratze hält nur noch für ein paar Stunden die Luft. Schlafen auf viertausend Metern ist kein Vergnügen, in der Nacht habe ich häufig Atemnot. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie sich ein Asthmaanfall anfühlt. Ich bin froh, als es dämmert und ich zusammenpacken und weitergehen kann.

Der Weg führt durch ein grünes Tal mit einigen Steinhaussiedlungen. Aus einem Haus steigt Rauch auf. Die Morgensonne erwärmt das Tal. Kühe und Schafe grasen friedlich. Ich bin einen Moment lang sehr glücklich. Dann beginnt erneut der Anstieg nach Pampas Llamac, einem Mirador auf 4300, wo mir ein einsamer Caballero mit Radio begegnet. Ein kurzes Hallo und ich laufe wieder allein. Beim Abstieg – mehr als 1000 Meter – ins Tal nach Llamac begegne ich Tito. Er trägt ein totes, stinkendes Schaf vor sich. Es ist in den Bergen abgestützt und wird an die Hunde verfüttert. Im Bierkastenstemmen würde Tito wohl gewinnen. Er gibt mir seine Nummer, falls ich im Sommer die Huayhuash-Tour machen möchte und schleppt das Schaf weiter den Berg hinauf.

Nach einer weiteren Stunde Abstieg komme ich in Llamac an. Der Bus ist schon vor zwei Stunden gefahren. Ich warte auf der Bank am Ortsausgang. Neben mir grasen zwei Esel. Der Fluss rauscht und ich werde sehr müde.

Llamac von oben, ziemlich weit oben

Nach einer Weile kommt ein schwarzer Jeep, allerdings fahren sie nur ins nächste Dorf. Sie meinen, bald käme ein weisser Jeep, der nach Huaraz fährt. Nach einer weiteren Weile kommt tatsächlich ein weisser Jeep und nimmt mich für 20 Soles mit zum Cruz auf der Hochebene, zwei Stunden holprige Fahrt durch die gewaltigen Berge. Ich kann nicht glauben, dass wir diese Strecke hinzu tatsächlich mit dem Bus gefahren sind. Am Cruz regnet es und mit mir warten noch eine Hand voll Peruaner auf eine Mitfahrgelegenheit. Ich halte ein Stück weiter den Daumen raus und werde von Marcos im Zementlaster mitgenommen. Er ist seit zwei ihr morgens von Lima aus unterwegs nach Catac zu seiner Familie. Eine angenehme Fahrt und ein schönes Gespräch über das Leben in einem kleinen Ort in den Bergen von Peru. Von Catac aus komme ich mit dem Collectivo schnell zurück nach Huaraz, niste mich wieder im Virgen del Carmen ein, obwohl das Hotel nicht so gut ist, und mache mich nach einer Dusche (nach ein paar Tagen Wandern sind die Duschen ein Traum) auf die Suche nach einem Restaurant, um Picante de Cuy zu essen. Ich bestelle noch extra Gemüse dazu. Eine gute Entscheidung. Unter der ledrigen Haut ist nicht viel Fleisch zu finden. Dafür liegt der frittierte Kopf mit auf dem Teller und zwei kleine Beinchen. Nee, Meerschweinchen sind keine Leckerbissen.

Schlaf, erholsamer, tiefer Schlaf im warmen Bett.

2 Kommentare

  1. M.

    Hut ab vor Deinen gewaltigen Solotouren!!!! Drücke die Daumen, dass Du bald wieder fit bist.
    Kuss M.
    (Sind wieder in den Winter (eigentlich mehr Frühling) zurückgekehrt)

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  2. Sanja

    Echt beeindruckend, was du so erlebst. Finde es großartig daran Teil haben zu können 🙂 danke
    Geht’s dir wieder besser? Du bist doch von Kraftorten nur so umgeben, oder??

    Denke dann gelegentlich auch an Deine Worte, dass es ja schon etwas gemein ist, dass du dich verabschiedest und uns hier (im Winter) lässt.

    Heute Abend hat Martina übrigens einen Solo-Foolsabend im Dachtheater. Denkst du, du kommst wieder zurück und foolst mit uns?

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