Kultourschock am Meer oder Galapagos für Arme

Mit der Dämmerung bin ich munter, nach einer nicht ganz so erholsamen Nacht im durchgelegenen Bett. Kaffee kochen, packen, den Ort durchqueren und eine ganze Weile Warten bis sich genügend Fahrgäste am Collectivo nach Abancay eingefunden haben. Nach weiteren Mitfahrern hupend schrauben wir uns den Berg hinauf. Oben angekommen, wird mir mitgeteilt, dass die Mehrheit der Fahrgäste in die andere Richtung möchte. Wir fahren also nicht nach Abancay, ich werde ausgesetzt. Zum Glück kommt bald ein Bus und ich bin schon 11 Uhr in der nahegelegenen Stadt. Von dort fahren Busse nach Lima. Halb drei. Wieder warten und den uninteressanten Ort erkunden. Im mehrstöckigen Markt gibt es frische Säfte und Verpflegung für die lange Busfahrt: Zwiebackähnliches Brot, gerösteten Mais, der mit Schale eine gesunde Alternative zu Popcorn darstellt, getrockneter Käse, der vom Geruch her sogar meine Wandersocken übertrifft.

Meine Platzwahl stellt sich als äußerst unangenehm heraus. Fenster ja, aber hinter der Mannfrau, derdie erstmal ordentlich Parfüm auflegt und dann eine mehrstündige Fotosession startet mit dem immer gleichen Motiv: sich selbst. Schöner werden die Bilder nicht. Die Natur, durch die wie fahren, übertrifft ihnsie an Schönheit bei weitem.

Beim nächsten Halt wird es noch schlimmer. Eine Mutter mit potentiell kotzender Tochter steigt zu, sie wollen zusammen sitzen, ich werde widerwillig neben die Mannfrau gesetzt, deren Parfüm schon meine Nasenschleimhaut verätzt hat und deren Ellbogen mich permanent anstößt – die geteilte Armlehne ist natürlich von ihr okkupiert. Nach mehreren Stunden Fahrt, einer Polizeikontrolle und vielen lauten Seufzern halten wir erneut und ich kann auf einen frei gewordenen Platz ganz gingen umziehen, wo ich mehrere Stunden zum Brummen des Motors dämmere. Halb vier morgens werde ich an der Kreuzung nach Paracas abgesetzt. Erst laufe ich etwas benommen Richtung Pazifik, bis ich realisiere, dass ich die mehr als 10 Kilometer nicht übermüdet mit vollem Gepäck, in Thermostrumpfhose und Wanderschuhen in der schwülen Morgenhitze laufen kann. Trampen funktioniert im Dunkeln nicht. Stattdessen hält ein bunt blinkendes Mototaxi und bringt mich zum extra teuren Nachttouritarif in den noch schlafenden Touristrandort Paracas. Am grauen Strand – später stellt sich heraus, dass der Sand tatsächlich grau ist – sind schon oder noch ein paar einzelne Seelen unterwegs. Ein paar Zelte stehen hinter den „No camping by fine“ Warnschild. Klebrig verschwitzt entscheide ich, nicht kostenlos zu zelten, sondern ein Zimmer im Hostel mit Dusche zu nehmen. Beim Check-in werde ich auch gleich auf die Tour zu den Islas Ballestes, den Galapagosinseln für Arme, wie es heißt, gebucht. Bis kurz vor 8 Uhr habe ich noch etwas Zeit zu duschen und einen Kaffee zu kochen.

Zwei Stunden verbringen wir im Boot, um eine im wahrsten Sinne des Wortes beschissene Insel zu umrunden und dabei eine Menge Möwen, Pelikane, Inkaschwänze, sogar drei Pinguine und jede Menge heulende, maulende und kämpfende Seelöwen zu beobachten. Auf einer vorher passierten Insel wird uns noch ein 180 Meter großer Kaktus á la Nazcalinie gezeigt, der entweder ein heiliges Zeichen oder eine Navigationshilfe für die Seefahrer war – ganz genau weiß es keiner.

Kaktuslinie
Der faule Seehund und die Touris

Zurück im Ort beginnt der langweiligste Tag meiner bisherigen Reise, es gibt wirklich nichts für mich interessantes zu tun, außer essen. Mit kugelrundem Bauch falle ich noch vor 9 ins Bett. Morgen geht es nach Lima, Nacho hat über Couchsurfing zugesagt. Ich freue mich, wieder zu surfen statt Touri zu sein.

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