Tief, tiefer, atem(be)raubender Colca Canyon

Der Colca Canyon ist die zweittiefste Schlucht der Welt. Ab Cabanaconde kann er – für 70 Soles – erkundet werden. Entgegen des guten Ratschlags „hoch gehen, tief schlafen“, schlafe ich auf fast 4000m und steige 1000m hinab in die Schlucht.

Von der Plaza aus begleitet mich ein schwarzer Hund, ein treuer Freund, als ich durch die Maisfelder irre und den richtigen Weg nicht finde. So klettern wir eine Stunde die Terrassen hinab und hinauf, bis wir den breiten Weg in die Schlucht finden. Als ich die teure Gebühr entrichte, verlässt er mich.

Am Mirador sind 8 Uhr schon ein paar Wandergruppen, die den dreistündigen Aufstieg gemeistert haben. Eine Touristin meint, dass es das Schlimmste war, das sie je gemacht hat. Ich steige frohen Mutes hinab. Weitere Wanderer stapfen langsam den steinigen Weg bergan, hinunter geht nur noch ein älteres Paar mit Führerin.

Nach fast zwei Stunden erreiche ich die kleine Oase Sangalle am braunen Fluss Colca. Eine Hängebrücke führt schaukelnd über die Fluten, dann geht es bergan, sehr anstrengend. Auf dem Weg gibt es Kaktusfrüchte als Vorspeise für das zeitige Mittagessen. Einige Stacheln hängen sich in meiner Lippe fest und pieksen noch eine ganze Weile. Auf halber Höhe auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses mache ich Rast mit herrlicher Aussicht. Wie gut eine Dose Thunfisch mit Brot, Tomate und Gurke schmecken kann.

Es gibt einen breiten Weg durch die Dörfer, ich wähle den schmalen Pfad durch alte Behausungen und paradiesische Obsthaine. Avocado, Feige, Granatapfel.

Der Weg ist teilweise markiert, teilweise suche ich etwas. Und dann stehe ich vor dem größten Hindernis, ein reißender Fluss ist zu überqueren – oder ein großer Umweg zu laufen. Ich setze alles auf eine Karte, verstaue das Handy in Plastiktüten, ziehe die Schuhe aus und kremple die Hose bis über die Knie. Mit den Füßen taste ich mich Stück für Stück durch die Fluten, die Wanderstöcke helfen mir, das Gleichgewicht zu halten. In der Mitte ist die Strömung am stärksten, fast reißt sie mich mit sich. Ein Schreck, volle Konzentration und ich bin mit nur einem blutigen Zeh und nasser Hose am anderen Ufer.

Weiter geht der Weg durch neuere Häuser entlang des Wasserkanals und am Rand der Schlucht, unter mir der Colca.

Ab der Brücke hinter San Juan beginnt der Aufstieg, der mir alles abverlangt. Obwohl der Weg nicht so steil ist wie der Abstieg, sind 1000 Höhenmeter auf 4000 Meter eine atemraubende Herausforderung. Schritt für Schritt, die Pausen nehmen zu, ich bin fertig. Vollkommen erschöpft komme ich nach drei Stunden Anstieg oben an und es fängt an zu regnen.

In voller Regenmontour laufe ich noch eine halbe Stunde zurück in den Ort. Geschafft. Die heiß ersehnte und sehr nötige heiße Dusche ist kalt und tut trotzdem gut – dabei bemerke ich, dass ich Sonnenbrand von den Thermen gestern habe. Wady schreibt vom Strand in Brasilien, dass es dort so heiß ist und kein kühlender Regen in Sicht. Wie gern würde ich mich dorthin beamen.

Stattdessen gehe ich ins kleine, zum Hostel zugehörige Restaurant und esse eine warme Suppe. Spargelsuppe – wo auch immer der herkommt und sie schmeckt auch nicht danach – mit Zwiebeln, Champignons, Paprika und Majoran. Ich füge noch eine Menge Salz hinzu. Und gehe bald schlafen.

Blick aus dem kleinen Zimmer

Die Reise geht weiter, von Cabanaconde nach Cuzco.

Plaza in Cabanaconde
Bus nach Chivay

Früh um sieben fährt der Bus Richtung Arequipa, mit zwei Berlinern steige ich nach drei Stunden an der Kreuzung Richtung Juliaca aus, dort war ich schon mal im Schneeregen vor drei Tagen. Trampen klappt nicht so richtig, dafür kommt ein Bus, der über Juliaca nach Cuzco fährt. Obwohl ich ganz vorne mit Blick auf die Straße sitze, macht mir Busfahren heute keinen Spass, weil es fast zehn Stunden sind, weil wir keine einzige Pause machen, weil das Klo schwankt und der Boden nass ist, obwohl es kein Wasser gibt, weil es in jedem Ort mindestens zwei Verkehrsberuhigungshügel gibt, über die der Bus hüpft, weil es kein Choclo con Queso sondern nur Brot, Gelatine oder Schwein mit Kartoffeln aus der Tüte gibt (als die abgepackten Portionen alle sind, hackt die zugestiegene Verkäuferin mit einem großen Messer weitere Stücke von der Keule, die in Packpapier unter der bunten Decke lag – im Bus!), weil mein Nachbar Mundgeruch hat und pupst, weil die schwangere Frau auf der anderen Seite mehrmals kotzt, weil ihr Mann mit offenem Mund schläft, weil die Frau hinter mir ihren Müll auf den Boden wirft, weil ihre Nachbarin zwei Kaninchen in einem dunklen Karton transportiert, weil ich 10 Stunden durch den unteren Teil des großen ‚A’s von REAL del Sur auf der Windschutzscheibe die ewig langen, müllgesäumten Straßen betrachte, weil der Busfahrer alles bewegliche anhupt: Menschen, Busse, Autos, Motorräder, Hunde, Kühe, Schafe, Lamas, Esel, weil er bei jedem kurzen Stop stresst und die winkende Bäuerin im rosa Pullover an der Straße stehen lässt. Weil ich zehn Stunden in einem Bus eingesperrt bin. Aber vorrangig, weil es kein Mais mit Käse gibt.

Take it or leave it, singen The Strokes und ich grinse innerlich.

Wieder ein kaputter Bus, wir haben noch Platz

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