Titicacacopacabana

Die Busse von La Paz nach Copacabana fahren vom Cemeterio General, einer Stadt der Toten. Mit einem Microbus stehe ich eine halbe Stunde im Stau auf der Marktstraße.

Der Bus quält sich den Berg auf die Hochebene hinauf. Dann fahren wir eine ganze Weile an Müllbergen vorbei und sichtlich armen Dörfern. Auf den Fußballplätzen grasen Schafe, auf manchen finden Spiele statt, es ist Samstag. Ich werde ein wenig traurig beim Anblick der Cholas, die im Regen unter einer Brücke auf eine Mitfahrgelegenheit warten.

Nach drei Stunden kommen wir am Titicacasee in San Pablo de Tiquina an, der bei dem trüben Wetter garnicht so blau strahlt, wie immer beschrieben. Wir steigen alle aus dem Bus aus und fahren in kleinen Booten über den See, der Bus überquert ihn auf einer größeren Fähre aus Holz. Gerade, als wir alle eingestiegen sind, fängt es heftig an zu regnen.

Personenfähre
Busfähre

In Copacabana scheint wieder die Sonne. Der Ort ist touristisch und voll, es ist Wochenende. Ich finde das hübsche und etwas teure Hostel La Casa del Sol und quartiere mich für zwei Nächte in einem Dreibettzimmer mit unbekannten oder keinen Mitbewohnern ein.

Nach kurzer Pause besteige ich schnaufend den Hausberg Calvario, der auf 4018m einen Rundumblick auf Copacabana, den Strand, den – hier schon viel blaueren – Titicacsee und die Isla del Sol bietet. Auf dem Gipfel drängen sich Verkaufsstände mit Blumen, Bier und Plastikhäusern. Zuweilen knallen Böller Gebete in die klare Luft. Im Hafen vergnügen sich Touristen in kleinen bunten Booten und Plastikkugeln. Ich überlege, ob ich wirklich den Ausflug auf die karge Insel der Sonne machen soll oder lieber einen Tag Erholung einlege. Andererseits ist Copacabana ein schrecklich touristischer Ort. Voy a ver.

Ab heute reise ich zu zweit. Auf dem Berg wartet ein kleines, kuschliges Lama auf mich. Eingesperrt in einer Plastiktüte mit nur ein paar Tropfen Kondenswasser harrte es in der Höhe aus. Es möchte mit nach Peru. Ich nenne es Cuco, während ich Coca kaue.

Zum frühen Abend esse ich in einem kleinen Restaurant das Menü des Tages: Champignonsuppe, eine halbe Forelle mit Reis und Salat und Flan de Vanilla für 20 Bolivianos, 2,50€. Keine Vier-Sterne-Küche, aber es schmeckt. Nur das Klo ist unschön, es gibt kein Wasser.

Ich träume wild von einer Demonstration Rechter in Bolivien ohne Gegner, die sitzen in Bars und Cafés und von geborgten Fahrrädern. Und wache verwirrt nach 10 Stunden Schlaf in der Kälte des Hochlandes auf. Die Isla del Sol wartet auf mich.

Am kleinen Tickethäusschen am Strand wähle ich kurzerhand das Kombiticket Isla de la Luna und Isla del Sol und schippere schwankend auf dem Dach eines Holzbootes (das langsamste von allen) über den Lago Titicaca.

Auf der Isla de la Luna steht der Templo de las Virgenes, Iñak Uyu, zu Ehren der Frau der Sonne. Die Sonne ist männlich, der Mond ist weiblich – nur im Deutschen ist es verdreht. Die ersten Kulturen auf dem Altiplano waren die Viscachani 8500 BC gefolgt von den Chiripa, Pucara, Tiwanaku, Colla, Lupaca und Inca, die von Fischfang und Landwirtschaft lebten. Der See und die Inseln sind heilige Orte im Weltbild der Andenbevölkerung, eng verbunden mit der Geburt der Sterne.

Vierzig Minuten schippern wir weiter zur Isla del Sol. Es weht ein kühler Wind, Wolken verdecken die Sonne. Alle, außer eine dicke Frau, ziehen ihre bunten Wollpullis und Daunenjacken unter die orange-grünen Schwimmwesten. Keiner scheint Spass zu haben. Die teils düstere, teils melancholische Musik von Tara Fuki in meinem Ohren passt zur trüben Stimmung.

One size fits all

Auf der Isla del Sol gibt es ein paar Wege durch die Dörfer zu laufen. Die Insel ist fruchtbarer als ich dachte. Und ruhig – abseits der Touristenansammlungen. Der Norden der Insel ist seit Jahren nicht zugänglich, die Yumani-Gemeinde hat sich abgeschottet.

Ich sitze schon auf dem Dach des Bootes, bereit für die Rückfahrt, da kommt der Kapitän und sucht Freiwillige, die in ein anderes Boot wechseln, da dieses überfüllt ist. Ich bin sofort bereit, das andere Boot zu nehmen. Am Ende geht die Rechnung auf, obwohl wir später atarten, überholen wir das langsamste aller Boote und sind früher wieder in Copacabana.

Ein Kommentar

  1. Rolando

    Hey Bettina, diese eine exakt geplante und hochpräzise errichtete Mauer auf dem Bild, gehört die mit zu dieser Tempelanlage..? Die hat doch, sofort sichtbar, nix mit dem Baudatum des anderen wild errichteten „Bauwerks zu tun“ .. Da war doch bestimmt eine höchst entwickelte Zivilsation am Werk.. Kein „vernünftiger“ Architekt hätte sich in den letzten 8000 Jahren sowas angetan.. Erstaunlich 🙂

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