Beflügelt Fliegen – ein Tag in Brasilien

Au revoir mi amor Buenos Aires. Abflug in den Sommer, den noch-mehr-Sommer, den heiß-schwülen-Fön-immer-an-Sommer.
Die Reise ist deutsch und optimierorganisatorisch. Am Flughafen treffe ich KKK, Krissi K. aus Köln, die zweieinhalb Monate gereist ist nach ihrem Abi und in ein paar Tagen heim fliegt. Als wir im Fön von Iguazú landen wird sie für mich zu KKKK, als sie liebenswürdigerweise meine Kamera in ihr Gepäck stopft und die faltbare Tastatur, die keine Umlaute kann und mir somit nur unnötige Last ist. Ich kann sie in 5 Monaten abholen oder vielleicht kommt Krissi zu Besuch nach Leipzig, wo die Menschen so komisch sprechen 😉 Krissi wohnt in Puerto Iguazú, ich fahre weiter.

Flughafen Puerto Iguazú – der Natur Fön ist noch an

Im Bus von Puerto Iguazú über die Grenze nach Foz do Iguaçu treffe ich Alex aus Tirol, ebenfalls zweieinhalb Monate unterwegs und kurz vor dem Abflug nach München, dem ich das Kameraladegerät aufquatschen kann, das ich auch noch unnötigerweise mit mir rumschleppe. Alex übernachtet im Zentrum von Foz do Iguaçu. Ich wohne im Norden dieser 250.000 Seelenstadt. Am Busbahnhof wird mir zuvorkommend geholfen, den richtigen Bus zu finden, der eine ganze Weile durch die Straßen klappert, bis mich die junge Ticketkontrolleurin von ihrem hohen Sitz am Drehkreuz auf meinen Stop hinweist. (Das Drehkreuz ist so eng, dass sich normal gebaute Menschen hindurch zwängen müssen. Was passiert bei fülligeren Menschen?) In der Apotheke frage ich nach der Straße, suche die Nummer, sehe keine, es dämmert bereits und ein Gewitter ist im Anmarsch. Gerade als es richtig anfängt zu schütten, kommt ein junger Mann mit Einkaufstüte, lächelt, deutet mit dem Kopf auf ein sich öffnendes Tor und gibt mir zu verstehen, dass ich mit unter das Vordach kommen kann. Es ist Wady, mein Host, Wady der Retter. Zehn Sekunden später wäre ich klatschnass gewesen.

Bus in Brasilien mit Personal, nur für Schlanke

Wady rettet gern Menschen. Mit der Ambulanz, mit der Feuerwehr, als Rettungsschwimmer am Strand. Und Reisende vor dem Regen am AdW. Drei Stunden Busfahrt vom Flughafen zu meinem Host. Gute Lage, stand in seinem Profil geschrieben, ich dachte Iguazú wäre ein Dorf. Nun organisiere ich eine weitere Couch, näher am Nationalpark, während Wady kocht.
Wir essen gemeinsam, trinken Bier, das Eisenbahn heißt, und ein Rotweinmixgetränk, das irgendwas mit Fässern zu tun hat. Der Abend ist sehr lustig, eine Mischung aus Englisch und Spanisch, Händen und Füßen und totaler Übermüdung meinerseits nach nur drei Stunden Schlaf und einer langen Reise ans erste Ende der Welt.

Belesener Bombero mit sicherem Ausblick

Wir sprechen über deutsche Bürokratie und Regeln. Wady scherzt, ich dürfe nicht auf das Gras treten. Ich erzähle, dass der Rasen eine französische Erfindung ist, um Wohlstand zu zeigen. Er stimmt zu und faselt etwas von einem Buch, in dem das steht. Ich verstehe Homo Deus. Unglaublich. Wady liest gerade Homo Deus von Yuval Harari. Ich hatte es Manuel in BA empfohlen – als wir uns zwei Tage später wieder trafen, hatte er bereits hineingelesen. Mir selbst wurde es letztes Jahr von Niv, einem Couchsurfer aus Israel, empfohlen. Bei Wady steht es in der portugiesischen Version im sonst gut überschaubaren Bücherregal über dem Fernseher und der Vintage Super Mario Spielekonsole. Que casualidad 🙂 Daneben steht Deus um delírio (Der Gotteswahn) von Richard Dawkins, der als Haupttext des Neuen Atheismus gilt. Belesener Bombero.

Auf dem Rückweg vom Bierkauf stupse ich einen Stein auf dem Fußweg an. Er entpuppt sich als Frucht des Mangobaums am Straßenrand. Wir nehmen sie mit heim und genießen die süße Überraschung.

Besorgungen eines Bombero in Brasilien

Wady braucht einen neuen Reifen. Wir fahren zu einigen Werkstätten, bringen auch die Gitarre in die Werkstatt, der Hals hat sich verzogen, sie spielt sich schwer. Wady kauft einen Ventilator und holt die Arbeitskleidung für seinen Sommerjob ab. Am Samstag fährt er für drei Monate an den Strand von Brasilien, wo er als Rettungsschwimmer arbeitet. Auch deswegen ist er Single, frei – glücklich frei. Wady lacht, als er erzählt, dass die Frauen es nicht mögen, wenn ein gut aussehender Brasilianer in rotgelber Uniform und mit Boje äh lifebelt, the most importante, en la playa arbeitet. 😀

Zurück in Wadys gemietetem Haus, bereitet er rasch Tapioca zu, Teigfladen aus Maniok mit Rühreifüllung. Gut gestärkt fahren wir in seinem roten Auto zu den Cataratas auf der brasilianischen Seite. Als Touristen besteigen wir den Parkbus und laufen den Panoramaweg hin zur Gargante del Diabolo. Mein Herz blüht auf in dieser atemberaubenden Natur.

Atemberaubende Ausblicke auf die Cataratas von Iguaçu

Wady fotografiert mich unzählige Male vor den Cataratas, ihm gefällt mein Haarschnitt, danke Paule, danke Anja 😉

Nach dem Park halten wir an einem kleinen Imbiss an der Straße, wo ich unbedingt Zuckerrohrsaft mit Zitrone und Pastel, frittierte Teigtaschen mit Käsefüllung, probieren muss. Die Füllung tropft auf mein T-Shirt, Wady meint, ich solle mich nicht ärgern. Ich gebe mich der Gelassenheit der hiesigen Menschen hin und genieße den frühen Abend mit einem neuen Freund unter den Bäumen auf der Wiese neben der Straße. Als Nachtisch gibt es Açai, ein dunkelrotes Sorbeteis, das wir gemeinsam im Auto auf der Straße nach Argentinien löffeln. Es tropft dunkelrot auf mein Kleid, ich ärgere mich nicht. Vollgekleckert absolviere ich die Grenzformalitäten im Sonnenuntergang.

Von der Brücke über den Iguazú hat sich Wady mit seinen Feuerwehrkollegen abgeseilt und ist 4 km zum Dreiländereck geschwommen

Im Niemandsland auf der Brücke über den Iguazú stecke ich Wady einen grünen free-Button an sein blaues T-Shirt und heiße ihn im Club der Menschen, die frei sind, herzlich willkommen.

Im Dreiländereck, wo der Iguazú in den Paraná fließt, möchte Wady Deutschunterricht „An der Ampel halten“ lehre ich ihn. „Halt’s Maul. Ich mag dich.“ sind die Sätze, die er wissen möchte. 😀

Dreiländereck Argentinien, Brasilien und Paraguay – Mündung des Iguazú in den Paraná
Touristas mezclados
Vorgeschmack auf die Gargante del Diabolo
Die Schönheit der Natur erreicht jedes Herz

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