Mitten in Buenos Aires

Über die Couchsurfing-Website verabrede ich mich mit Ignacio zu einem Spaziergang durch die Stadt. Ignacio ist Bibliothekar und subtiler Street Artist. Er zeigt mir das philosophische Institut, wir streifen durch die Gänge eines imposanten Gebäudes aus der Kolonialzeit. Im Erdgeschoss zeigt Cecilia Ivanchevich ihre Installation Transformación, in der sie Aspekte der Architektur des Centro Cultural Paco Urondo neugestaltet und damit ästhetische Kontraste erzeugt. Alles kann modifiziert und transformiert werden, auch das, was unveränderbar erscheint, wie die Architektur, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Jeder Blickwinkel eine neue Perspektive.

Transformación von Cecilia Ivanchevich im CCPU

Im oberen Geschoss findet gerade ein Deutschkurs statt, die Tür ist geöffnet, ich klopfe an und sage Guten Tag. Die brasilianische Lehrerin, die in Freiburg studiert hat, fordert ihre Studenten auf, mir Fragen zu stellen. Ich antworte deutlich – für zwei Monate Kurs, verstehen die Studenten bereits einiges.

Höchst provokante Kunst für ein erzkatholisches Land

Ignacio betreibt eine sehr subtile Form der Street Art. Er lässt mich in seine alte Umhängetasche greifen, ich ziehe einen Schnipsel heraus, auf dem „temas de fotografia y sociedad“ steht. Diese Zettel nutzt er als Assoziationsimpulse. Nach einer gewissen Anzahl gefundener Aspekte, steckt er die Zettelchen an unauffällige Orte im öffentlichen Raum und bietet so Passanten die Möglichkeit für eigene Assoziationen.

Ignacio denkt subtile Street Art eines Bibliothekars

Ignacio zeigt mir, wie ich kostenlos mit der Supte fahren kann und wo es das beste Fleisch in der Stadt gibt. Im Don Ernesto an der Ecke Carlos Calvo und Defensa esse ich mein erstes Rindersteak und freue mich auf das erste echte Asado 😉

Natürliche Gärten vertikal und unter Tage

Über facebook verabrede ich mich mit Lito in seinem Haus in der Carlos Calvo, direkt gegenüber von Manuels Haus. Que casualidad (was für ein Zufall), in einer Millionenmetropole wie Buenos Aires, dass die Beiden Nachbarn sind. Auch er wohnt in der Mitte eines nachverdichteten Blocks. Hier sind kleine Häuser aneinander gebaut. Eine steile Treppe führt zu einer einfachen Zweiraumwohnung, mit Ventilatoren an den hohen Decken und einer noch steileren, rostigen Wendeltreppe, die auf die Terrasse auf dem Dach führt. Die Stufen hängen gefährlich durch, rostig, wackelig. Auf der Terrasse lässt sich die Freiheit genießen, zwischen Blumenkästen und Liegestühlen, Hochhäuser als Kulisse. Lito hat lange in einem Tangostudio gearbeitet und sechs Jahre das Haus abbezahlt, bevor er wegen Widerstandes gegen die prekären Arbeitsbedingungen gefeuert wurde. Jetzt bastelt er Notizbücher mit bunten Einbänden und aufwendiger Fadenbindung, die er auf Artesanales-Märkten verkauft.

Loco Lito ist frei

Lito ist frei, möchte reisen, nocheinmal nach Brasilien, den Amazonas hinab, und nach Peru. Er gibt alle seine Sachen weg, im Januar möchte er die Wohnung untervermieten und mit Rucksack, seinen Büchern und der Gitarre, auf der er Tango zu spielen gelernt hat, reisen. Vielleicht treffen wie uns in Peru wieder. Eine herzliche Begegnung mit einem freien Menschen.

Que bonito canta Loco Lito 🙂

Lito hat aus einem Reststück roten Papiers einen kleinen Revoluzzerstern gebastelt.

Am Morgen regnet es ergiebig. Als ich unter der Dusche stehe, rollt der Donner durch den Häuserdschungel.

In Uruguay sind die Menschen noch geerdeter

Argentinier sind Menschen, die in ihrer Musik die Melancholie in der Melodie mit der Lebensfreude in den Rhythmen zu kombinieren vermögen, während sie über die tristessa singen.

Ich habe ein luxuriöses Zimmer mit eigenem Bad und Ausblick über Buenos Aires, wo mein Rucksack zwei Tage sicher steht, während ich die Zeit in einer kleinen gemütlichen Wohnung in Montserrat genieße und gemeinsam mit einem neuen Freund Mate trinke. Die Einsamkeit des gesicherten Towers konnte ich nicht ertragen.

Treffpunkt Centro Cultural Jorge Luis Borges mit angehängter Shopping Mall
Mafalda in der Supte: Schau, das ist die Welt. – Weißt du, warum sie schön ist, diese Welt? – Weil es ein Modell ist. Das Original ist ein Desaster.
Transformación
Transformación
Wie der Ursprung der Welt
Liebe wird die unbezahlte Arbeit genannt
Mittag im Don Ernesto
Sichere Autos im Bankenviertel
Es regieren Liebe und Gleichheit unter den Menschen
Ein gutes Herz ist die beste Religion

2 Kommentare

  1. M.

    Hi Tina, ich klicke immer neugierig Deinen blog an, um wieder neue tolle Bilder und Deine Erlebnisberichte zu geniessen. Nur auf diese -Deine Art des Reisens – sind solche Einblicke in ein Land und deren Menschen möglich. So hast Du schon echte Freunde kennen lernen können. Ich freue mich für Dich!
    Begeistert bin ich von der Strassenmalerei – das ist ja schon Kunst.
    Ich umarme Dich
    M.

    Antworten
    1. Bella Babou Autor

      In der Tat sind die Bilder an den Mauern der Straßen Kunst, echte Kunst. Sie repräsentieren die Wünsche, Gedanken und Proteste der Menschen, die dort leben. Kunst hängt nicht in Museen, Kunst kommt aus den Herzen.

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