Kunst an den Wänden von San Telmo und La Boca

In der Supte Richtung San Telmo lerne ich Jean Carlos kennen, einen jungen Venezolaner, der seit 9 Jahren in Buenos Aires lebt und ein Cross Step Fitness Studio in der Calle Venezuela leitet. Er spricht mich an mit den Worten: You don’t belong here. Ich stimme ihm lachend zu und denke still: Eher hierher als nach Deutschland. Er meint, ich sähe wie eine Künstlerin aus, ich gebe ihm meine Karte. Wir steigen gemeinsam um und aus und verabreden uns lose für das Wochenende.

San Telmo am Mittag ist schön. Bodenständig. Ehrlich. Direkt. Arm. Lebendig. Vor einer Firma wird mit Salsarhythmen für den Lohn demonstriert. Die Trommeln dringen durch Mark und Bein, Bläser setzen ein, manche tanzen, die Musik ist voller Emotionen.

Einer der zahlreichen Proteste, die jeden Tag in BA stattfinden. Die Menschen gehen auf die Straße für ihre Rechte und ihre Träume.

In der Avenida de Independencia an der Grenze zu La Boca finde ich eine kleine Bäckerei mit den bisher leckersten und preiswertesten Empanadas. Mit Spinat oder mit Schinken-Käse-Tomate. Mjamm, das Essen für die nächsten Monate.

Partnerlook über Etagen hinweg

La Boca ist weitläufig und anstrengend in der Mittagssonne. Eine italienische Eisdiele lockt und verschafft Abkühlung mit extra dunklem Schokoladeneis. Ich laufe ziellos kreuz und quer durch die Straßen und finde am (unzugänglichen) Hafen eine renovierte Fabrik, deren Backsteine weiß umrandet leuchten. Am Turm hängt ein rosa farbenes Tuch, auf dem „Guerilla Girls“ prangt. Ein Zentrum für moderne Kunst zeigt eine Ausstellung der feministischen Gruppe zum Thema Unterdrückung weiblicher Künstlerinnen, die in Museen, Galerien, im gesamten Kunstbetrieb unterrepräsentiert und unterbezahlt sind. Sie endet mit einer Wand rosafarbener Klebezettel, auf der die Besucher ihre Vorstellungen einer feministischen Welt ausdrücken können.

Guerilla Girls – Wie stellst du dir eine von Frauen geleitete Welt vor?

Ich klebe einen Zettel dazu und verlasse das kühle Fabrikgebäude, um weiter durch die Wildweststraßen von La Boca zu streunen, vorbei an bunt bemalten Mauern, Autowerkstätten, einer Reihe kleiner Verschläge Obdachloser. Die Gegend ist arm aber schön, die Menschen schauen aufmerksam, manchmal skeptisch, manchmal pfeift einer. Ich versuche unauffällig (aus) zu schauen und laufe, als hätte ich ein Ziel. Vorbei an der blaugelben Bombonera, dem Stolz der fußballbegeisterten Bevölkerung, bis zum Minitourimekka La Caminita, wo ich Touristen und Artisten bei ihrem kommerziellen Zusammenspiel beobachte: Selfiejäger, die sich mit verkleideten Argentiniern in lasziver Tangoposition fotografieren lassen. Das ist leicht amüsant, in Summe eher anstrengend, ich verlasse bald den Touriquatsch und kaufe beim hübsch drapierten Gemüsestand Zutaten für das Abendessen, die später in der Hitze der Supte leiden werden.

Loslassen

Auf dem Rückweg nach San Telmo, das im Abendlicht auflebt und seine Schätze präsentiert habe ich ein paar Deja-vus, als ich erst durch den Park laufe, dann an dem französischen Bistro vorbeikomme und später an dem Hotel kurz verweile, wo vor Jahren einmal ein anderes Leben begann, das ich nun endgültig losgelassen habe.

Frei.

Leben spielt auf der Straße
Schuhkartons mit Futterautomat am Rand von La Boca
Kunst an der Wand auf der Straße
Eine Schulklasse verlässt das Kulturzentrum am Hafen von La Boca
Guerilla Girls
Guerrilla Girls
Guerilla Girls
Puerto hinter Gittern
Fassade eines Theaters in La Boca
Visueller Support des lokalen Fußballteams
Entlang der Gleise zur Bombonera
Kurz vor La Caminita: Protest gehen moderne Sklaverei (ohne Hemd)
Tourimekka bei La Caminita
La Boca an einer Wand in La Boca
Eckiges Haus mit rundem Auto
Esquina vieja
Esquina colonial
Bandera verde als Ausdruck der Unterstützung der feministischen Bewegung für die Legalisierung legaler, sicherer und kostenloser Abtreibung
Ehemaliges Restaurant
Schulhof
Im Park schmecken Empanadas noch besser

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