Bien venida a Latinoamérica

Eine perfekte Gelegenheit, um Zen zu praktizieren ist es, am Samstag vormittag mit allem Gepäck (großer Rucksack aus dem gefährlich Wanderstockspitzen ragen) und Regelschmerzen in der überfüllten Supte quer durch die Stadt von Almagro zum nächsten Gastgeber nahe San Telmo zu fahren, inklusive zweimaligem Umsteigen.

Plaza de Mayo

In San Telmo begegne ich vor einer kleinen Markthalle Anna und Thomas aus Brasilien, die eine Woche Urlaub in Buenos Aires machen. Anna hatte gestern ihren 33sten Geburtstag. Ihr Ziel war, in dieser Woche 33 Flaschen Wein zu trinken. Sie waren gerade bei der 25sten und hatten somit noch einige vor sich, bevor sie am Abend die Stadt verlassen. Anna ist Hipster und wohnte im Juli in Berlin, the place to be, wie sie begeistert sagt. Ich sage nicht, wie schön Leipzig ist/war 😉 Dafür werde ich zu einem Selfie genötigt.

Anna und Thomas bei der 25sten Flasche Wein in einer Woche

San Telmo ist auch eine Ausgehmeile voller Touristen, ist auch Lebensraum für ganz normale Menschen, Heim Obdachloser, Schauplatz des Candombe.

Obdachlosenkarton an der Plaza de Mayo

Mit einem Gesicht wie das von Che, strahlt Loco Lito in die Welt. Ich frage ihn nach einer Zigarette und er nimmt mich mit zum Umzug der Trommler und Tänzer des Candombe.

Loco kennt sie alle. Begrüßt herzlich seine Freunde und Bekannten entlang der Straße. Tanzt, singt und lacht zur eindringlichen Trommelmusik. Vor den Trommlern werden Fahnen geschwenkt und verschiedene Charaktere tanzen wild. Sie präsentieren die traditionelle afrikanische Großfamilie: mama vieja (die alte Mutter), gramillero (der Medizinmann), escobero (der Besenschwinger. Der 2/4 Takt wird von drei Trommelgrößen angegeben: piano, chico und repique. Candombe wurde vor allem von Afro-Lateinamerikanern in den Vororten, den arrabales, getanzt und gilt als Vorfahre der Tänze Milonga,Tango und Vals. Zu den llamadas treffen sich die Gruppen und trommeln in der Straße.

Im Park am Ende der Straße, wo der Umzug endet und die Gruppen ins „Ziel“ einlaufen und sich glücklich auflösen, Freunde begrüßen und Mate und mehr genießen, sitze ich neben Gabriel auf der Bank und werde über die Candombe Kultur aus Uruguay aufgeklärt, während sein Sohn Laduna mit bunt bemaltem Gesicht mit anderen Kindern spielt. Gabriel ist Gartengestalter in Tigre und glücklich mit seiner Arbeit. Er gibt mir seine Nummer und bietet mir seine Hilfe an, falls ich zum Flughafen möchte oder was auch immer.

Schon habe ich es und es hat mich in sein großes, lebendiges, das Leben lebende und feiernde Herz geschlossen. Das gesamte letzte Jahr habe ich nicht so viele Menschen geküsst und umarmt, wie hier in drei Tagen. Gabriel meint, ich würde hier bleiben. Vamos a ver.

Abendstimmung mit Zwiebeltürmen am Ende des Candombe-Umzugs

Glücklich hüpfe ich mit von den Trommeln dröhnendem Schädel nach hause und freue mich über die abendlichen Szenen in den Straßen von Montserrat: Da ist das Pärchen, das auf der Stufe vor dem Haus ein Dutzend Teelichter angezündet hat. Da sind die Jungen, die auf der Straße Fußball spielen, wenn gerade kein Auto kommt. Da ist der Händler an der Ecke, der ein Sammelsurium benutzter Dinge in Kisten gestopft zum Verkauf anbietet. Eine lebendige Stadt.

Asado auf der Straße in San Telmo

Daheim, das gerade bei Manuel in Montserrat liegt, spielt die Katze mit mir, als ich im kleinen Innenhof Alltagsyoga betreibe. Manuel singt im Zimmer seines Mitbewohners direkt aus dem Herzen heraus und klimpert auf der Gitarre. Wie haben uns 21 Uhr zum Abendessen verabredet und kommen erstmal runter vom Candombe-Umzug. Er hat mich dort gesehen, mir eine Nachricht geschickt, bevor ihm einfiel, dass ich draußen komplett offline bin. Ich nenne es, im realen Leben sein, mit allen Sinnen.

Your home is my castle, gracias a Manuel.

Entspannt verlassen wir gegen zehn das Haus durch die endlosen Flure eines bis auf den letzten Millimeter verdichteten Wohnblocks. Zwei Ecken weiter gibt es Empanadas, auch die für den Norden typischen Salteñas mit Kartoffeln und Fleisch, die wir uns am Holztisch im galerieartigen Wohnzimmer von Manuels WG schmecken lassen. Dann macht er sich für die Nacht draußen bereit und ich mich für die Nacht drinnen. Juans Wohnung lag an einer Avenida, der Verkehrslärm war omnipräsent, hier brummt nur der Kühlschrank. Erholsamer Schlaf. Am Morgen kommt die Katze ins Bett und fordert Aufmerksamkeit. Bilder und Texte mit dem Handy zu verarbeiten und gleichzeitig eine Katze zu streicheln, funktioniert nicht. Meine Arbeit kann ich erst wieder erledigen, als Sheela zufrieden schnurrend auf meinen Beinen Platz nimmt.

Schatten für Autos
Mehr Treppe als Haus
Freies Malen
Candombe Trommler in San Telmo
Condombe Medizinmann
Candombe Alte Mutter
Candombe Trommler
Fassadengestaltung während des Candombe Umzugs
Katzen für Abtreibung
Kunst kommt zurück aus der Wand
(Zu kleiner) Protest

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